Dienstag, 24. Mai 2011

Interview mit Christian Endres

Vincent Preis: Lieber Christian, zunächst Glückwünsche zur Nominierung von DIE ZOMBIES VON OZ (aus der gleichnamigen Storysammlung) als Beste Kurzgeschichte 2010.
Würdest du dich kurz vorstellen?

Christian Endres: Danke. Ich bin 25 und lebe in der Nähe von Würzburg. Wenn ich nicht gerade Fiction schreibe, arbeite ich als Redakteur für diverse Magazine und Zeitungen und als Comic-Redakteur für die deutschen Ausgaben von Spider-Man, Hellboy, Conan, dem Punisher und anderen.


VP: Was erwartet die Leser denn in der Geschichtensammlung DIE ZOMBIES VON OZ und speziell in der Titelgeschichte?

CE: Die Titelgeschichte setzt genau nach Ende des ersten Oz-Romans von Frank Baum ein. Dorothy kehrt nach Kansas zurück – doch eine Seuche hat alle in ihrer alten Heimat in Zombies verwandelt, auch ihre Tante Em und ihren Onkel Henry. Mit Revolvermann Frank, einem der wenigen Überlebenden dieses Szenarios im nicht mehr so wilden Westen, flüchtet sie durch die Prärie und schließlich zurück nach Oz – nur um festzustellen, dass auch dort inzwischen die Seuche umgeht und das Zauberreich hinter dem Regenbogen ein ebenso gefährlicher Ort geworden ist wie ihre dem Untergang geweihte Heimat. Also macht sie sich mit Frank und Toto auf, die gute Hexe Glinda zu finden, in der Hoffnung, dass Glinda mit ihrer Macht etwas an dem fürchterlichen Status quo ändern kann. Unterwegs passieren Dorothy und Frank entlang der gelben Ziegelsteinstraße einige Orte und treffen diverse Bewohner des veränderten Oz, die nicht nur Dorothy vertraut sind. Doch selbst ihre alten Gefährten haben sich auf die eine oder andere Weise verändert, so wie auch Frank und Dorothy bereits von der Situation verändert werden. Alles in allem ist die Titelgeschichte eine düstere Hommage an Frank Baum sowie George R. Romero und Robert Kirkman. Und natürlich an Clint Eastwood. Dabei wird aus einem Horror-Zombie-Western nach und nach ein splatterndes Oz-Revival. In den übrigen Storys gehe ich von verschiedenen Seiten an den Oz-Mythos heran. Das ergab dann mal zeitgenössische Dark Fantasy, mal Voodoo-Horror, mal klassische Fantasy mit „Sir Ironblade und Sir Lionheart“, und mal magischen Realismus mit einer in die Jahre gekommenen Dorothy und einem obsessiven Schuhsammler. Und noch einiges mehr – doch das waren jetzt genug kreative Marketingbegriffe, glaube ich.

VP: Werden OZ-Fans L. Frank Baums OZ und seine Figuren in deinen Geschichten wiedererkennen?

CE: Wenn nicht, hätte ich wirklich was falsch gemacht ;-) ... Ja, werden sie. Wahrscheinlich nicht immer so, wie sie es erwarten, aber das ist ja mit das Spannende an der gesamten Sammlung. Denn selbst wenn Dorothy die große, kaltschnäuzige Verführerin mimt und einen erfolgreichen Bühnenzauberer erpresst, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit in einem Zauberreich verbindet, ist da hinter ihrer abgezockten Fassade immer noch ein kleines, unbeholfenes Mädchen, das alleine nicht so gut klar kommt.

VP: Bereits in der Geschichte RIGOR MORTIS (IN SHERLOCK HOLMES UND DAS
UHRWERK DES TODES) hast du Dorothy als ledergekleidete Botschafterin von Oz
auftreten lassen. Werden die Leser in DIE ZOMBIES VON OZ diese Dorothy dort
wieder treffen?

CE: Nur in Form einer Leseprobe zu HOLMES. Denn das ist genau die von dir angesprochene Story mit Dorothy Gale als Botschafterin des Reiches Oz, die nach London kommt, um Sherlock Holmes wegen eines ganz besonderen Falls von rigor mortis zu konsultieren. So habe ich am Ende des Buches also noch eine Oz-Geschichte von mir reingeschmuggelt. Falls jemand meine HOLMES-Sammlung nicht kennen sollte, hat er dann trotzdem all meine Oz-relevanten Erzählungen beisammen. Wen man dafür wieder in einer neuen Story in Aktion erlebt, das ist der verzauberte Ballon ...

VP: Deine ZOMBIES erschienen etwa zu der Zeit, als mit STOLZ UND VORURTEIL UND ZOMBIES eine ganze Welle solcher Klassiker/Horror-Crossover losgetreten wurde. Auf den ersten Blick könnte man auch DIE ZOMBIES VON OZ in diese Schublade stecken. (Ungewollter) Zufall oder doch Absicht?

CE: Teils, teils. Dass ich eine Oz/Zombie-Geschichte schreiben wollte, war mir schon etwas länger klar. Mit dem Oz-Mythos beschäftigte ich mich auch schon eine ganze Weile zuvor, u. a. für einen umfangreichen Essay in einem Fachmagazin. Es ergab sich nur nie die passende Gelegenheit für die Story. Atlantis-Verleger Guido Latz wollte auch keine von mir herausgegebene Zombie-Anthologie, wo diese Story dann hätte erscheinen können – dafür schlug er eine Novelle vor. So wurde aus der Kurzgeschichte zunächst eine längere Erzählung. Ich begriff jedoch recht schnell, dass sich mir eine wohl einmalige Gelegenheit bietet, mich an Baums Oz auszutoben, und so wurde aus der Geschichte eine ganze Storysammlung im Stil meiner Arbeit an Sherlock Holmes, wenn auch etwas breiter gefächert und freier, aber wieder stark auf einen Mythos der Popkultur konzentriert. Der Titel des Bandes war tatsächlich ein wenig Kalkül, wenngleich es mir immer wichtig war, viel mehr zu machen als eine Nacherzählung mit ein paar Zombies. Egal ob in der Titelstory oder in einer der anderen Geschichten: Ich habe immer etwas Eigenes auf die Beine gestellt, selbst wenn die Titelgeschichte viele klassische Anwandlungen hat, was beim Zombie-Seuchen-Setting vermutlich aber unumgänglich und Teil der diesbezüglichen Referenzkultur ist.

VP: In SHERLOCK HOLMES UND DAS UHRWERK DES TODES sind eine Reihe Kurzgeschichten enthalten, in denen du Arthur Conan Doyles berühmten Detektiv in einen wild-phantastischen Kontext setzt. Reizt es dich, mit solchen „Ikonen“ zu spielen oder ihnen deinen Stempel „aufzudrücken“?

CE: Ein Freund von mir sagt immer, dass es mir schon tierisch Spaß machen muss, solche ikonischen Werke zu nehmen und wie einen Ball an die Wand zu werfen, um zu sehen, was beim Zurückspringen passiert. Da wird schon was dran sein. Also ja: Popkulturelle Mythen und Muster zu erkunden, ist wirklich sehr reizvoll für mich. Ich sehe gerne, was ich aus einer bekannten Sache herauskitzeln kann, wenn ich sie zerlege und neu zusammensetze oder in einen ganz anderen Kontext rücke. Crossover-Literatur ist ein schöner Abenteuerspielplatz für Autoren. Außerdem schreibe ich einfach gerne referenzreich und spicke meine Geschichten auch so oft mit Anspielungen, um einen Mehrwert zwischen den Zeilen zu haben. Und wir Autoren sind ja auch alle kleine Angeber ...

VP: Wie wichtig ist es dir, dabei die Grundzüge der Figuren zu erhalten?

CE: Bei meiner HOLMES-Sammlung war es von elementarer Wichtigkeit. Egal wie fantastisch die Begebenheiten und die Storys wurden – Holmes und Watson mussten sich immer treu bleiben und haargenau dem Bild entsprechen, das ich mir über die Jahre von ihnen und ihrer Freundschaft gemacht habe. Ihre besondere Beziehung war neben Holmes’ archetypischen Marotten der Anker zur Realität, wann immer Lovecraft, Poe und Co. in den Vordergrund traten. Ob Vampire, Werwölfe, Ghule, Zeitreisen, sprechende Tiere oder aztekische Bestien – Holmes und Watson sind und bleiben stets zwei imperial-britische Ehrenmänner und über Gebühr loyale Freunde, komme, was da wolle. In DIE ZOMBIES VON OZ war ich dagegen etwas gelassener, obwohl Dorothy in der nominierten Titelgeschichte schon stark in Richtung Buch und Film gehen sollte (und auch geht). In den übrigen Geschichten war dann aber alles möglich.

VP: Oz ist inzwischen ein fester Bestandteil der (vorwiegend amerikanischen) Popkultur. Sieht man sich diverse Filme, Bücher und Comics (z.B. David Lynchs WILD AT HEART) an, so werden Elemente aus DER ZAUBERER VON OZ immer wieder gerne in den verschiedensten Medien verwendet und zitiert. Wie erklärt sich dieses Phänomen deiner Meinung nach.?

CE: Ich habe inzwischen gelernt, dass Oz hierzulande doch einen geringeren Stellenwert hat, als man zunächst glaubt – und dass die Amerikaner, die Oz ja quasi mit der Muttermilch aufsaugen, ziemlich skeptisch sind, wenn man sich von der Seite an ihr heiliges Oz heranmacht. Oz’ Bedeutung für die US-Kultur ist dabei recht naheliegend, als erstes ureigenes amerikanisches Märchen, das Baum losgelöst von den britischen und kontinental-europäischen Vorbildern aufzäumte. In Deutschland ist zumindest der Film ziemlich griffig. In der Tiefe hat sich Oz aber nicht festgesetzt. Es ist eher ein rudimentäres Erinnern an die junge Judy Garland und den Musical-Film. Was ein bisschen schade ist.

VP: Kannst du uns verraten, woran du gerade arbeitest?

CE: Auch wenn ich gerade erst drei Storys abgeschlossen habe, von denen zwei sogar ziemlich klassischer Horror sind: Ich habe ja schon ein paar Mal gesagt, dass es dieses Jahr keine Kurzgeschichtensammlung von mir geben wird. Die logische Folge davon ist, dass ich derzeit an einem Roman arbeite, den Volkan Baga – der Titelkünstler und Illustrator von DIE ZOMBIES VON OZ – bebildern wird, wenn ich endlich mal mit Schreiben fertig bin.
VP: Hast du noch einige abschließende Worte an die Horrorfans?

CE: Kauft meine Bücher? ;-) Lest, was euch Spaß macht, und ignoriert das längst überholte Naserümpfen.

VP: Besten Dank, Christian, für dieses Interview.


Links:
Christian EndresAtlantis Verlag

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